• 23.06.2017 | Eine "Bildstörung" mit blauen Balken

    Im "Pumpwerk" des Rhein-Sieg-Kunstverein zieht der Troisdorfer Künstler Rolf Mallat eine vorläufige Bilanz seines Schaffens

    Zum Artikel
  • 29.2.2016 | Werke von Rolf Mallat beim Kunstverein Region Heinsberg

    Im Spannungsfeld von kunstgeschichtlicher Vergangenheit und Gegenwart...

    Zum Artikel
  • 31.8.2015 | Realität ist nur eine Momentaufnahme

    Kunsthaus Troisdorf zeigt Werke von Rolf Mallat - Retrospektive der vergangenen fünf Jahre

    Zum Artikel
  • 09.06.2011 | Gesichter erzählen Geschichten

    Mit Rolf Mallat hat der „Verein zur Förderung bildender Kunst“ wieder einen ...

    Zum Artikel
  • 04.06.2011 | Der Mensch steht im Mittelpunkt

    Der in Troisdorf wohnende Künstler Rolf Mallat hat seine Werke bereits in ...

    Zum Artikel
  • 20.04.2010 | Geschichten auf den zweiten Blick

    „Inszenierungen“: Künstler Rolf Mallat zeigt seine Werke in der Galerie Art Engert ...

    Zum Artikel
  • 13.11.2009 | Beißende Ironie in Wort und Bildern

    Mit einer Ausstellung der Künstler Rolf Mallat und Döring-Spengler feierte das ...

    Zum Artikel
  • 16.08.2009 | Der Maler als Opfer und Held

    Der junge Maler, der uns auf der ersten Lokalseite anblickt, weiß offenbar, dass ...

    Zum Artikel
  • 28.03.2009 | Rolf Mallat in der Galerie Bongartz

    Einen beeindruckenden Querschnitt der Arbeiten des Malers Rolf Mallat zeigt ...

    Zum Artikel
  • 23.08.2007 | Iran und Rheinland im künstlerischen Dialog

    Seit acht Jahren stehen der Rheinländer Rolf Mallat und der aus dem Iran ...

    Zum Artikel

Realität ist nur eine Momentaufnahme

Troisdorf. 

Das eine Bild ist Otto Dix gewidmet, das andere Edward Hopper. Selbstbewusst mit Sonnenhut blickt Dix auf ein Kaleidoskop von Großstadtszenen, die seiner Bilderwelt entstammen könnten, verweise das Outfit des Mannequins nicht auf die aktuelle Mode. Ähnlich bei Edward Hopper, der nachdenklich an seiner Zigarette zieht und sich Bildzitaten seines eigenen Schaffens konfrontiert sieht.

Nicht das Dix und Hopper im engeren Sinne Vorbilder für Rolf Mallat wären. Doch verfolgten die beiden Protagonisten der Neuen Sachlichkeit, respektive des Realismus amerikanischer Spielart, ähnliche Absichten wie der Troisdorfer Maler, dem im Kunsthaus an der Mülheimer Straße jetzt eine Retrospektive auf die jüngsten fünf Jahre seines Schaffens gewidmet ist. Es sind die Lichter der Großstadt, der modernen Zeiten, die alle drei beflügelt. Dix hat sie auf teilweise ironische, bisweilen sarkastische, Hopper auf melancholische Weise in Szene gesetzt. Und Rolf Mallat sowohl als auch.

Doch wäre der 58-jährige kein Kind seiner Zeit, bediente er sich nicht der Neuen Medien. Im Internet sichtet Mallat die Bilderflut, lässt sich bisweilen von einer Szene, manchmal von einer Geste oder einem Blick für seine großformatigen Acryl-Bilder inspirieren. Am Computer werden die einzelnen Szenen zusammengesetzt und verfremdet, bevor sie auf die Leinwand kommen, wenngleich die Vorlage dem Maler nicht mehr als die Richtung vorgeben. Aus der fotografischen Abbildung schöpft Mallat einen "Vertrauensvorschuss", der sein Verwirrspiel auf der Leinwand glaubwürdig macht, obschon er den Betrachter wie in einem "Spiegelkabinett", so der Titel eines Tableaus, zunächst der Irritation aussetzt.

Ob in der Metro oder im Straßencafé: die Menschen begegnen sich nicht wirklich, sind wie bei Hopper einsam in der Menge, und wie bei Dix dem grellen Großstadtgetriebe ausgesetzt. Doch verwischt Mallat Raum und Zeit, stellt den Kindern der Zeit historische Szenen gegenüber, etwa den Tanz der Frauen in den Straßen von Paris nach der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht 1945 oder die Krankenschwestern, die im 1. Weltkrieg verwundete Soldaten in einem Lazarett waschen. Die Gegenwart, meint der Maler, ist immer nur ein Produkt der Vergangenheit. Und die Realität nur eine Momentaufnahme, weshalb sie sich bei Mallat wie ein Mosaik aus vielen Realitäten zusammensetzt. Anfangs hat er sie in streng aufgeteilten Kompositionen nebeneinander gesetzt, mittlerweile überlagert er die Realitätsebenen, ist im Farbauftrag auch etwas lockerer geworden, gibt den Bildern mit teils grafischen, teils skizzenhaften Elementen mehr Transparenz und malerische Delikatesse. Aber auch mehr Tiefe und Tiefgründigkeit. Doch nie geht das Hauptmotiv dabei verloren, das wie das sprichwörtliche Gesicht in der Menge, die Aufmerksamkeit auf sich und die Betrachter mit in die Tiefe des Kaleidoskops zieht.

Wie sehr ein einziger Blick dazu in der Lage ist, zeigt der Zyklus "Kriegskinder", bei dem sich Mallat einzig auf das Gesicht konzentriert. Dass es sich bei dem einen Porträt um ein Mädchen der Hitlerjugend handelt, lässt der selbstbewusste, stolze Blick erahnen, der traurige in einem anderen Bild eine Kriegswitwe erkennen. Eher ironisch und heiter ist eine andere Porträtserie. "You can leave your hat on" zeigt Menschen, die teils skurrile Kopfbedeckungen tragen: Ein Mannequin in den 50-er Jahren, balanciert zur Regulierung der Körperhaltung ein Buch auf dem Kopf, eine Dame schwitzt unter der Trockenhaube, ein bärtiger Mann gibt sich ganz ernst mit Papphütchen. Und eine junge Soldatin der Roten Armee trägt stolz ihre Uniformmütze. Die Welt - Mallats Welt - ist eben nicht schwarz-weiß.

Kölner Stadtanzeiger 31.8.2015

Günter Willscheid